Ich habe mich richtig isoliert gefühlt !

( Frau G. ist 47 Jahre alt, pflegte 3,5 Jahre und lebt in Norddeutschland )

 Meine Forderungen an Politik und Gesellschaft:ADP pilot15

 

Wir haben in Deutschland in der Pflegeversicherung den Slogan „Ambulant vor stationär“. Ich wünsche mir daher auch, dass dies nicht nur ein Slogan ist, sondern Menschen, die zu Hause pflegen, tatsächliche Unterstützung und gesellschaftliche Wertschätzung erfahren.

Sich allein auf private Vorsorge und Versorgung zu verlassen, kann Pflege nicht sicher abdecken und wird für alle Betroffenen eine Belastung – nicht nur auf finanzieller Ebene. Angehörigenpflege ist ein DUNKELFELD, dem viel mehr Beachtung und Anerkennung geschenkt werden muss. Durch die Gesellschaft, die Politik, die Forschung…!!!

 

Mein Blick auf das Thema „Armut durch Pflege“ ist im Grunde genommen weniger die monetäre Seite, als viel mehr die soziale Ausgrenzung und Isolierung. In der Zeit der Pflege hatte ich absolut keine Kontakte außer die zu meinem Mann und engsten Verwandten. Ich hatte kaum emotionale Unterstützung von Außen erfahren – weder an meinem Arbeitsplatz noch sonst in meinem Umfeld.

Mein Vater hatte einen schweren Schlaganfall erlitten, als ich gerade mein Studium beendet hatte und dabei war, eine neue Bleibe zu suchen sowie eine Arbeitsstelle anzutreten. Ich war wie traumatisiert. Kurz vor seinem Schlaganfall, als wenn ich es irgendwie geahnt hätte, habe ich ihn gefragt, wie er denn mal gepflegt werden möchte? Wie er sich das denn eigentlich vorstellt? Ich bin seine älteste Tochter und durch meinen beruflichen Hintergrund für Gesundheitsfragen in der Familie die Ansprechpartnerin. Mein Vater hat mir auf meine Frage geantwortet, dass er am liebsten immer zu Hause gepflegt werden möchte. Er habe extra sein Leben lang gespart und vorgesorgt, damit wir keine Sorgen und Kosten haben sollten. Sein Erspartes sollten wir für die Pflege nehmen.

Zusammen mit meinem Mann und der Lebensgefährtin meines Vaters haben wir gemeinsam die Pflege arrangiert. Ich hatte alle Vollmachten für meinen Vater. Die Pflege zu Hause bedeutete eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Nach dem langen Krankenhausaufenthalt mit anschließender Reha hatte mein Vater dennoch Pflegestufe 3+ aufgrund von künstlicher Beatmung und Ernährung. Für uns war das eine ganz neue Situation. Das Ersparte meines Vaters haben wir genutzt, damit wir weiter arbeiten gehen konnten.

Ich habe zum Beispiel zweimal die Woche jemanden privat bezahlt, dass er meinen Vater im Rollstuhl spazieren fuhr. Das war eine wichtige Unterstützung und Entlastung für uns. Auch ein Sauerstoffgerät, das nach einem erneuten Schlaganfall für zu Hause notwendig war, haben wir privat aus dem Ersparten meines Vaters bezahlt. Die zuständige Krankenkasse begründete die Ablehnung der Kostenübernahme damit, dass mein Vater im Krankenhaus besser versorgt sei! Für mich eine unglaubliche Aussage und fehlende Wertschätzung unserer Pflege zu Hause. Die Kosten im Krankenhaus sind deutlich höher, als ein Heimbeatmungsgerät, die Entscheidung der Kasse kann ich bis heute nicht nachvollziehen! Ich weiß nicht, was geworden wäre, wenn die Pflege länger als diese dreieinhalb Jahre angedauert hätte. Dann hätte das Geld nicht gereicht, das Ersparte wäre aufgebraucht und dann?

In meinem Beruf habe ich über das hinaus gearbeitet, was ich bezahlt bekommen habe, weil das in dieser Berufssparte so angelegt ist. Ich bin morgens in mein Büro gefahren, habe den ganzen Tag gearbeitet. Zugleich musste ich immer auf Abruf sein. Durch meine flexible Arbeitszeit konnte ich dies einigermaßen leisten. Mein Mann war da zeitlich mehr gebunden. Ich habe ganze Nächte bei meinem Vater verbracht und meinen Urlaub und meine Freizeit eingeschränkt. Ich habe dies gerne getan! Nicht die Pflegesituation hat mir das Gefühl gegeben, ausgegrenzt zu sein, sondern das fehlende Verständnis meines sozialen Umfelds. Ich habe immer nur zu hören bekommen: „Was tust Du Dir da eigentlich an?!“ – „Denk doch mal an Deine Karriere!“ – „Du kannst ihn doch ins Heim geben!“ – „Das hat doch keinen Sinn!“ Dass ich aber meinem Vater dieses Versprechen gegeben habe, das hat mein Umfeld nie verstanden oder verstehen können. Diese Erfahrung habe ich als fürchterlich empfunden und empfinde dies auch heute noch so. Dadurch habe ich mich richtig isoliert gefühlt und im weitesten Sinne auch arm!

Wenn ich zum Beispiel in meiner Firma gesagt habe, ich kann zu einer Sitzung nicht kommen, ich habe einen pflegebedürftigen Vater zu Hause, dann wurde keine Rücksicht darauf genommen. Der Termin wurde nicht verschoben, sondern fand einfach ohne mich statt. So bin ich von wichtigen Entscheidungen ausgeschlossen worden. Und dies in einer Berufssparte, die sich mit Themen der Gesundheits- und Pflegeversorgung beschäftigt! Da gab es keinen Blick auf meine Situation und keine Möglichkeit für Vereinbarkeit von Beruf und Pflege. Die Konsequenz war, dass ich mich in meinem beruflichen Umfeld nicht mehr getraut habe, über die Pflegebedürftigkeit meines Vaters und die Belastungen zu sprechen, weil ich immer das Signal bekommen habe: „Du funktionierst nicht“. „Du stellst Privates in den Vordergrund“. Dass dieses aber nicht Privatleben im Sinne von Freizeitvergnügen war, sondern dass ich eine Verantwortung und eine Verpflichtung auf mich genommen habe, die wichtig gewesen ist, die meinem pflegebedürftigen Vater zu Teil geworden ist, wurde offenbar überhaupt nicht gesehen.

Vor diesem Hintergrund ist es mein Wunsch, dass sich große Firmen und Arbeitgeber das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Pflege wahrnehmen und ernst nehmen. Das gilt auch für unsere Gesellschaft insgesamt. Pflege kann jeden in jeder Lebensphase treffen. Jeder Bürger sollte sich eigentlich fragen: „Wie stell ich mir meine Pflegeversorgung vor?“

 ( Bericht aus 2010 – Daten aktualisiert in 2013 )

Ein Gedanke zu “Ich habe mich richtig isoliert gefühlt !

  1. Liebe Frau G.
    Vielen Dank für ihren Bericht, denn Sie gehen mit ihren Erfahrungen in die Öffentlichkeit und tragen dazu bei, dass Schein und Wirklichkeit entlarvt werden. Es ist ungeheuerlich, wie ihr Arbeitgeber und ihre Arbeitskollegen sich gegenüber Ihnen verhalten haben. Sie haben etwas so Wertvolles geleistet, trotz ihrer Berufstätigkeit und der Ignoranz ihrer Kollegen. Sie lassen sich nicht von dem Geschwätz ihrer Mitmenschen beeinflussen. Dieses Gerede stammt aus dummen Ratgebern, die unsere Werte, dem Egoismus und Narzissmus geopfert haben. Klar fühlen sich Viele davon angesprochen, endlich dürfen sie mal egoistisch sein und gesund ist es auch noch. Wer könnte dem widerstehen ? Sie, Frau G. und damit stoßen sie auf Unverständniss, weil dass die anderen verunsichert und Sie das Verhalten ihrer Mitmenschen in Frage stellen. Auch wenn Sie das nicht beabsichtigt haben, ist das was Sie für ihren Vater getan haben, gegen den Strom zu schwimmen und das macht sie zu einer starken und vorbildlichen Frau. Auch ich wünsche mir, mit Ihnen zusammen, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu einer Selbstverständlichkeit in unserer Gesellschaft und Politik wird !
    Mit freundlichen Grüßen
    Silvia Wölki

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