Ich sehe keine Zukunft mehr für mich !

 


( Herr G. ist 48 Jahre alt, pflegt seit 12 Jahren und lebt in Baden – Württemberg )

Meine Forderungen an Politik und Gesellschaft:ADP pilot10

Auch wenn ich meine Wünsche für utopisch halte: Ich bräuchte mehr finanzielle Unterstützung von der Pflegekasse. Das jetzige Pflegegeld reicht einfach zum Leben nicht aus. Außerdem hätte ich von Beginn der Pflege an besser informiert werden müssen über mir rechtlich zustehende Unterstützungsmöglichkeiten seitens der Pflegekasse, die mir so viel zu lange verwehrt geblieben sind.

 

Ich heiße Andreas G., bin 47 Jahre alt. Ich habe eine Berufsausbildung als Industriekaufmann abgeschlossen und arbeitete ca. 10 Jahre in diesem Beruf in einer kleinen Firma. Mit 32 Jahren entschloss ich mich für eine Fortbildung zum Staatlich geprüften Betriebswirt. Ich wollte besser verdienen, in einer größeren Firma arbeiten und auch erfolgreicher in meinem Beruf sein. Mir ging es eigentlich gut. Ich habe mein Geld verdient, konnte mir meine Träume wie z.B. ein BMW Cabrio, ein Motorrad und Urlaube leisten und bezahlte meine 4-Zimmer-Wohnung bei der Bank ab.

 Zwei Monate vor meinen Prüfungen zum Betriebswirt bekam meine Mutter einen Schlaganfall. Ich schloss meine Fortbildung zum Betriebswirt trotzdem ab. Meine Mutter lebte allein. Mein Vater war bereits verstorben. Er konnte sich also nicht mehr um meine Mutter kümmern, und in ein Heim wollte ich sie nicht geben.

Da ich nicht wusste, wie pflegebedürftig meine Mutter werden würde, wollte ich eine Arbeitsstelle in der Nähe meiner Mutter finden – aber ich fand keine. Nach längerer Arbeitslosigkeit wäre ich Hartz IV Empfänger geworden. Mit einer eigenen 4-Zimmer-Wohnung, einem Cabrio und Motorrad bekommt man aber kein Hartz IV. Ich hätte erst alles verkaufen und von dem Geld meinen Lebensunterhalt bestreiten müssen. Als Hartz IV Empfänger wollte ich aber auch nicht leben.

Also entschloss ich mich, meine Mutter zu pflegen, um dem zu entgehen. Anfangs habe ich sie zusammen mit meiner Schwester gepflegt. Jetzt pflege ich meine Mutter mit Pflegestufe 2 alleine und bin sozusagen Hausmann und Altenpfleger. Ihr Pflegebedarf ist über die Zeit gewachsen. Heute kann sie fast nichts mehr selbständig machen. Ich muss alles für sie übernehmen: Essen anreichen, Toilettengänge,…

Was mir für Hilfen zustehen, habe ich erst nach und nach durch Mundpropaganda von Verwandten und Bekannten erfahren. Die ersten fünf Jahre habe ich z.B. nie die Kurzzeitpflege in Anspruch genommen. Später habe ich von einer zusätzlichen Verhinderungspflege erfahren und jetzt wurde mir bekannt, dass es auch noch ein Betreuungsgeld gibt. Von der Pflegkasse bekommt man keine Tips, denn die müssten die Tips ja bezahlen…

Ich habe auf mein Leben zugunsten der Pflege verzichtet. Jeden Tag übernehme ich die Pflege meiner Mutter – ohne einen Feiertag oder Urlaub. Wenn meine Mutter gestorben ist und ich keine Arbeit finde, werde ich vom Staat gezwungen, meinen ganzen Besitz zu verkaufen und von dem Erlös zu leben. Erst wenn ich nichts mehr habe, kann ich Hartz IV beantragen. Ich will aber kein Hartz IV Empfänger sein und wähle lieber den Freitod. Meine Rente wird auch sehr gering sein. Was nützen mir die kleinen Beträge der Pflegekasse an die Rentenkasse?

Ich bekomme 430,00 € Pflegegeld für Pflegestufe 2. Ich alleine arbeite aber quasi 3 Schichten à 8 Stunden und das 7 Tage die Woche! Was müsste die Kasse zahlen, wenn meine Mutter in einem Altersheim wäre? Bestimmt mehr als 430,00 € Pflegegeld, denn da würden 3 Schwestern in Vollzeit die gleiche Arbeit tun, und die sind besser sozialversichert als ich. Wäre es nicht gerecht, wenn ich den gleichen Betrag bekomme?

Mir ist klar, ich werde keinen Job mehr in meinem erlernten Beruf finden, weil ich zu lange aus meinem Beruf raus bin. Ich habe keine Freizeit mehr für mich und ich habe auch keine Freunde mehr. Meine Mutter ist 85 Jahre alt und ich hoffe, sie lebt noch ein paar Jahre. Es kann aber auch schon morgen zu Ende sein. Und was wird dann aus mir? Ich sehe keine Zukunft mehr für mich, denn ich glaube, dass seit ich die Pflege übernommen habe, ich in einer Sackgasse stecke.

( Bericht aus 2010 – Daten aktualisiert in 2013 )

 

 

 

2 Gedanken zu “Ich sehe keine Zukunft mehr für mich !

  1. Hallo . Ich Anita 62 jahre alt pflege & betreue meine schwermehrfach behinderte & chronisch kranke Tochter 24 Jahre alt seit ihrer geburt alleine ,also schon 24 jahre lang .

    lebe von hartz 4 SGB 2 SGB 12 & Pflegegeld & kindergeld davon leben wir zwei ,müßen alles bezahlen davon ,da bleibt nicht mehr so viel übrig um ein tolles leben zu führen , sprich urlaub ohne andere schöne sachen …LG Anita mit Tochter Dani 🙂

  2. Hallo Andreas,
    ich kann sehr gut nachvollziehen wie Du Dich fühlst, denn auch ich pflege seit 10Jahren meinen Sohn, welcher 2003 schwerkrank zur Welt kam. Auch ich hatte damals keine Ahnung von Pflege. Ich wußte nur, dass ich meinen Sohn nicht in ein Heim geben wollte und dass ich das irgendwie bewältigen wollte. Leider bin ich auch ziemlich hart auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Keinerlei Beratung, schlechte Erfahrungen mit dem MDK und der tägliche Kampf um notwendige Hilfsmittel. 7 Tage die Woche, 52 Wochen im Jahr und dies alles seit nunmehr 10 Jahren. Oft, wenn ich dachte ich kann nicht mehr weiter, half mir nur die Liebe, die ich für mein Kind empfinde. Solange er mich mit seinen blauen Augen anstrahlt und sein Schicksal trägt, kann ich nicht aufgeben.
    Heute bin ich auch etwas abgeklärter, was den Umgang mit Behörden, Ämtern und Institutionen anbelangt. Fakt ist, dass es ohne Widersprüche kaum geht. Man muß kämpfen für die Dinge, die einem zustehen !!! Fakt ist auch, dass Ämter und Behörden eigentlich niemals Interesse an Deinem Schicksal haben, also auf der emotionalen Ebene sind sie blind und taub. Natürlich kostet auch dies sehr viel Zeit und noch mehr Kraft. Zeit und Kraft, die dann in der Pflege fehlen oder auch einfach mal etwas Freizeit für einen selbst bedeuten könnte.
    Aber was soll’s… Wir haben uns dafür entschieden, diesen Weg zu gehen. Wir machen das doch für die Menschen die wir lieben und die es vielleicht auch für uns getan hätten.
    Natürlich wird es von der Politik, aber auch von unserer Gesellschaft zu wenig gewürdigt, natürlich müßten wir finanziell besser gestellt werden und natürlich hätten alle pflegenden Angehörigen mehr Unterstützung verdient, aber leider ist es eben nicht so.
    Trotzdem bereue ich diese Entscheidung keinen einzigen Tag und solange noch das Blut durch meine Adern fließt, werde ich weitermachen. Und sollte irgendwann der Tag kommen, an dem ich mich von meinem Sohn verabschieden muss (ich hoffe inständig, dass dieser Tag in ferner Zukunft liegt!!) und er meine Pflege nicht mehr braucht, werde ich mein Leben neu sortieren und weiterleben. So, wie ich es schon oft im meinem Leben tun mußte.
    Ich hatte in meinem Leben schon oft Situationen an denen ich fast zerbrochen wäre, aber ich bin noch hier. Und ich denke, ohne Dich näher zu kennen, dass auch Du es schaffen kannst. Der Weg in den Freitod ist doch keine Option. Wir haben doch nur dieses eine Leben und bei allen Problemen und Sorgen gibt es doch auch viel, für das es sich zu leben und auch zu kämpfen lohnt. Ich versuche immer den größten Widrigkeiten etwas positives abzugewinnen. Alles was Du tust, ist doch für irgendwas gut. Jedes Problem, welches man lösen konnte, macht einen stärker und klüger und aus jedem Fehler kann man eine Lehre ziehen. Was einmal schiefgegangen ist, passiert Dir kein zweites Mal. Und wenn Du Deine Mutter nicht mehr pflegen kannst, dann machst Du eben etwas anderes. Deine Erfahrungen und Dein Wissen gehen doch nicht verloren. Du kannst sie benutzen, um etwas Neues zu tun. Wenn es soweit ist, dann wirst Du wissen was zu tun ist.
    Ich lebe übrigens derzeit von HartzIV. Es ist keine Schande, denn ich bin weder faul noch arbeitsscheu!! Es ist nur problematisch, weil das Geld hinten und vorne nicht reicht, es ist schwierig, weil auch alles zeitaufwendig beantragt werden muß und weil auch in dieser Behörde Menschen arbeiten, denen unser Schicksal am A**** vorbei geht. Um an diesem unerträglichen Zustand etwas zu ändern, habe ich mich letztes Jahr selbständig gemacht- zusätzlich zur aufwendigen Pflege meines Sohnes und ohne jegliches Eigenkapital. Jetzt muß ich nochmehr arbeiten, kämpfen und mich leider immer noch mit dem Jobcenter plagen, aber ich hoffe, dass ich irgenwann davon leben kann und meinen Sohn finanziell absichern kann. Und wenn es schief geht ist dies zwar sehr schade, aber ich habe es wenigsten versucht…
    Ich hoffe von Herzen, dass Du diesen Gedanken, in einer Sackgasse zu stecken, verscheuchen kannst und vielleicht doch einen Weg für Deine Zukunft siehst. Das Leben steckt doch voller Überraschungen und meistens kommt es ganz anders als man es gedacht hatte. Du hast es doch selbst in der Hand.
    Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute
    Romy Wenzel, Leipzig

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