Deutschland – ein Sozialstaat ?

 

( Frau Sch., 68 Jahre alt, pflegte 9 Jahre und lebt in Hessen )

Meine Forderungen an Politik und Gesellschaft:

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In Holland erhält jeder Rentner eine staatliche Grundsicherung von 1.000,00 Euro, egal ob er 250,00 Euro oder 650,00 Euro Rente hat. Warum geht das in Holland und in Deutschland nicht? Warum erhalten pflegende Angehörige nicht das gleiche Geld wie ein Pflegeheim? 

Pflegende Angehörige müssen die Möglichkeit haben, von einem erhaltenen Pflegegeld, Sparrücklagen zu schaffen, um für das eigene Alter vorsorgen zu können. Eine Summe von 15.000,00 Euro muss jeder Bürger behalten dürfen ohne deshalb behelligt zu werden.

Es wird Zeit, nach 15 Jahren „Pflegeversicherung“ endlich damit zu beginnen, die pflegenden Angehörigen wertzuschätzen und ihnen das finanziell zuzugestehen, was sie wert sind!

 

Im Juli 1997 saß ich das letzte Mal mit meiner Mutter in einem Café. Sie liebte Kaffeetrinken im Café. Ich auch. Unsere Treffen waren selten. Ich war berufstätig.

Dass sie da schon pflegebedürftig war, sah ich nicht. Bei unserem letzten Cafébesuch hatte sie starke Schmerzen. Polyarthritis hatten ihre Füße verkrümmt und versteift. Die Polyarthritis hatte auch Mutters Hände versteift. Greifen, anfassen, halten, konnte sie nicht mehr. Was das bedeutete, erfuhr ich erst Wochen später. Mutter konnte sich nicht alleine versorgen. Ihre Hilflosigkeit bedurfte dringender Hilfe. Im September 1997 starb überraschend Mutters letzte enge Freundin und Nachbarin. Mutter war sehr einsam, litt im Stillen. Die täglichen Anrufe wurden seltener. Ich wunderte mich, machte mir aber noch keine Gedanken. Heute weiß ich, welche Merkmale auf Pflegebedürftigkeit hinweisen.

Dann kam der erste Eintrag ihrer Pflegestufe. Pflegestufe 1. Das ist die beliebteste Pflegestufe, weil billig. Für die Pflegekasse. Hier kann die gepflegte Person noch alles alleine machen und laufen. Das konnte meine Mutter aber schon lange nicht mehr. Freunde fragten mich: „Warum gibst du deine Mutter nicht ins Heim? Du schaffst das nicht allein.“ Ins Heim? Niemals! Das hatten wir uns beide schon vor Jahren geschworen, nachdem wir gesehen hatten, wie es meinem Vater erging, als er mit Alzheimererkrankung in ein Heim musste. Das Billigste. Vom Sozialamt bezahlt. Vier Wochen später mussten wir den Vater ins Krankenhaus überweise, weil er ärztlich unterversorgt war. Nein. Meine Mutter kommt in kein Heim. Und wenn ich selbst diese Arbeit machen musste.

Mein Tag hatte 18 Stunden. Arbeiten bis abends, dann zur Mutter, meist nichts gegessen, Mutter versorgt bis nachts um 1 Uhr, oder um 2 Uhr. So kam ich oft erst gegen 3 Uhr früh heim. Kochte noch, aß, versorgte mich medizinisch, da ich selbst an einer Venenerkrankung litt. Ende 1999 erhielt ich noch einen zusätzlichen Auftrag. Terminarbeit. Zeitdruck. Arbeitete bis nachts um 4. Meine Schmerzen wurden schlimmer, Entzündungen folgten. Arbeiten gehen, tagsüber fit sein, standhaft Freundlichkeit und Energie zeigen. Nach der Arbeit abends zur Mutter und dann nach Hause noch die Arbeit nebenbei. Das zehrte an meinen Nerven. Aber ich musste durchhalten. Durfte nicht schlapp machen. Musste Geld verdienen.

Nach endlosen Telefonaten, zwei gescheiterten Versuchen, Mutter pflegen zu lassen, kam ein empfohlener Pflegedienst zu meiner Mutter. Zwei Mal die Woche eine halbe Stunde. Mehr war nicht drin. Für Pflegestufe 1 erhielt sie 250,00 DM im Monat. Privat kostete eine Pflegestunde 55,00 DM. Ich rechnete aus, wieviele Pflegestunden von 250,00 DM Pflegegeld zu bezahlen sind. Es wären genau 4 Stunden und 54 Minuten im Monat. Wäre der Pflegedienst 5 Mal täglich gekommen, hätte ich 11.000,00 DM zahlen müssen. Wer soll das bezahlen?? Weil die Versorgung von Mutter nicht mehr gewährleistet war, gab es nur eine Entscheidung für mich: Ich musste es allein machen. Allein. Rund um die Uhr.

Statt mich selbst zu erholen, pflegte ich die Mutter. Meine eigene Krankheit führte mit der Zeit erst zur Krankschreibung, dann zwang sie mich, Erwerbsunfähigkeitsrente zu beantragen. Mit der Erwerbsunfähigkeitsrente durfte ich aber höchstens 3 Stunden täglich arbeiten. Verdienen durfte ich auch nichts – nur den üblichen Sozialhilfesatz. Verdiente ich mehr, würde die EU-Rente gekürzt. Weil das Geld für meinen Lebensunterhalt nicht ausreichte, sollte ich Grundsicherung beantragen. Diese wiederum wurde abgelehnt, weil ich Mutter pflegte und „genug Geld hätte“. Das bedeutete für mich: Ich opferte mich für die Mutter auf, und bekäme noch Geld abgezogen statt mich für meine Pflegearbeit zu bezahlen.

Heute ist meine Mutter tot. Ich bin krank und arm. Mutters mühsam von der kleinen Rente gespartes Geld ging für die Beerdigung und für die Wohnungsauflösung drauf. Geld sparen konnte ich während der Pflegezeit nicht. Weil ich nur 600,00 Euro Rente habe, das Geld für die Miete reicht kaum, wollte ich erneut Grundsicherung beantragen. Um diese zu erhalten, musste ich mein kleines Sparbuch auflösen. Wenn ich demnächst aus meiner Wohnung raus muss, darf ich nur noch in eine staatlich verordnete „Zwangswohnung“ einziehen. Lebensqualität steht einem auch nicht mehr zu. Kaffeetrinken ist nicht mehr. Kino und Theater auch nicht. Klamotten gibt’s nur noch vom Flohmarkt. Meine medizinische Versorgung aufgrund meiner Erkrankung ist auch nicht mehr gewährleistet, denn ich habe das Geld für die Zuzahlungen nicht mehr.

Ich habe meine Mutter gepflegt, insgesamt 9 Jahre. Das Ergebnis: Kein Geld mehr, Sparbuch aufgelöst, Armut im Alter, Ausgrenzung von allem. Meinen geliebten Beruf kann ich nicht mehr ausüben, und mir wird die Wohnung genommen. Deutschland ein Sozialstaat?

 ( Bericht aus 2010 – Daten aktualisiert in 2013 )

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