Ich pflege mit all den Ungewissheiten und Risiken für meine Zukunft!

(Frau F. ist 61 Jahre alt, pflegt seit 8 Jahren und lebt in Baden-Württemberg)

Meine Forderungen an Politik und Gesellschaft:   

Was ich mir aber wünsche ist mehr Zukunftssicherheit für mich und andere pflegende Angehörige. Ich möchte finanziell für mein eigenes Alter besser abgesichert sein und meine Rücklagen, die ich mir während meiner Berufstätigkeit aufgebaut habe, nicht schon jetzt verbrauchen müssen. Ich erwarte von der Politik mehr Gerechtigkeit bei der Verteilung der verfügbaren Finanzen und den Abbau der auf Wettbewerb, Konkurrenz und Gewinn ausgerichteten Pflegeindustrie. Ich fordere ein menschliches Pflegesystem, dass die Leistung pflegender Angehöriger angemessen würdigt und honoriert. Ich verlange eine echte Wahlmöglichkeit, die Pflege von Angehörigen ohne Sorge um die eigene Zukunft übernehmen zu können.

Also meine finanzielle Situation ist diese: Ich hatte einen sicheren Vollzeitarbeitsplatz. Ich war ganz normal in Arbeit: guter Job, gute Bezahlung. Das Ganze gute anderthalb Autostunden entfernt von hier, von dem Wohnort meiner Eltern. Und heute habe ich keine bezahlte Arbeit mehr und pflege meine Mutter (Pflegestufe III) rund um die Uhr, 24 Stunden alleine. Dazwischen liegen 19 Jahre mit viel Bangen, viel Unsicherheit, viel Suche nach Lösungen.

Mein Vater erkrankte 1996 schwer an Krebs und verstarb 7 Monate nach der Diagnosestellung. Die Pflege in dieser Zeit hat zwar hauptsächlich meine Mutter geleistet, aber ich habe neben meiner Arbeit mitgeholfen, so gut ich konnte. Hier habe ich erstmals erfahren, was es bedeutet, Pflege zu leisten. Nach dem Tod meines Vaters war meine Mutter alleine und brauchte selbst immer mehr Betreuung, die ich selbstverständlich übernommen habe. Aber ich musste schnell feststellen, dass meine Zeit dafür kaum ausreichte. Glücklicherweise konnte ich meine Arbeit auf 70% reduzieren, so dass ich meistens dienstags, mittwochs und donnerstags in der Firma war und intensiv gearbeitet habe. An diesen Abenden konnte ich auch noch oft meine Freunde treffen und ich hatte mein eigenes Leben. Donnerstags oder freitags Früh bin ich dann zu meiner Mutter gefahren, um sie zu Arztterminen zu begleiten oder auch die ganzen Wocheneinkäufe zu erledigen. Es war also noch nicht wirklich Pflege, aber schon der Schritt in diese Richtung.

Dann, am 2. Oktober 2007, einem Dienstag, hatte meine Mutter einen Schlaganfall. Weil der 3. Oktober ein Feiertag ist, fuhr ich nach der Arbeit zu ihr, fand sie glücklicherweise rechtzeitig und konnte schnell den Krankenwagen und alles Weitere organisieren. Im Krankenhaus stürzte meine Mutter aber und erlitt auch noch einen Oberschenkelhalsbruch. Als sie schließlich Weihnachten wieder nach Hause konnte, war für mich klar: Ich kümmere mich auch weiterhin um sie. Meine Mutter hat ein Häuschen dessen unterste Etage schwellenlos gebaut ist mit Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche und einem großen Bad. Mit wenigen Aktionen konnte dies also behindertengerecht umgerüstet werden.

Wie zu Beginn habe ich weiterhin nur noch 70 % arbeiten können. Meinen Vertrag konnte ich soweit ändern, dass ich nur noch mittwochs und donnerstags in die Firma gegangen bin und die restliche Arbeitszeit von zu Hause aus leistete. Ich habe einen Beruf in der Datenverarbeitung, so dass ich das ganz gut machen konnte. Meiner Firma spreche ich an dieser Stelle ein absolutes Lob aus. Würden alle Arbeitgeber eine derartige Flexibilität ermöglichen, dann bräuchte man dieses Familienpflegezeitgesetz nicht, was in diesem Jahr verabschiedet wurde. Die waren absolut zugänglich und über viele Jahre ging das sehr, sehr, sehr gut. Dann 2010 – meine Mutter hat auch Osteoporose – erlitt sie massive Wirbelbrüche und es folgte nochmals ein Krankenhausaufenthalt. Danach konnte sie dann wirklich nicht mehr alleine sein. Wir haben zunächst die Kurzzeitpflege in Anspruch genommen, um auch die stationäre Pflege kennen zu lernen. Es war für uns beide ganz traurig. Das wollten wir gar nicht. Dann haben wir versucht, uns Pflege für teures Geld einzukaufen und jemanden hier ins Haus geholt, der mir helfen sollte. Aber das war überdimensioniert. Zum einen hängt meine Mutter sehr stark an mir und sie lässt andere nicht so gerne an sich ran. Und zum anderen waren es ja praktisch nur 2 Tage und 1 Nacht, in denen ich wirkliche, massive Unterstützung brauchte. Das hat nicht funktioniert. Auch die ambulante Pflege erwies sich als zu unflexibel für unseren Pflegealltag.

Da gab’s dann praktisch nur noch: entweder Heim oder ich gebe meine Arbeit auf. Und ich habe mich dann entschlossen, die Arbeit aufzugeben – mit all den Risiken und Ungewissheiten, die ich immer noch habe. Ich weiß noch nicht, wie es mit mir dann irgendwann mal weitergeht. Im Moment ist der Pflegealltag geregelt und alles ist soweit ganz gut organisiert und abgesichert. Aber es ist natürlich eine schwierige Entscheidung die Berufstätigkeit aufzugeben, und ich weiß nicht, wie sich das in meinem eigenen Alter letztlich wirklich auswirken wird: Viele, viele Jahre Teilzeit und jetzt eben komplett ohne Einkommen.

Das heißt, ich lebe jetzt von meinen Ersparnissen bzw. von der Rente meiner Mutter und von dem was von den Pflegesachleistungen übrig bleibt. Ich habe Fixkosten, unter anderem für eine Lebensversicherung, die ich nur mit deutlichen Verlusten hätte kündigen können und von der ich evt. bis zu meiner Rente werde Leben müssen. Außerdem muss ich meine Krankenversicherung bezahlen und auch die Arbeitslosenversicherung. Wobei ich da sagen muss, dass das gar nicht so schlecht ist. Die Arbeitslosenversicherung kostet keine 8 Euro im Monat für mich als pflegende Angehörige. Wenn ich mich nach der Pflege meiner Mutter arbeitslos melden müsste, dann bekäme ich wenigstens 2 Jahre lang ein Arbeitslosengeld, dass dann abhängig von meiner Ausbildung bemessen wäre. Die finanzielle Absicherung wäre zwar nicht so hoch, wie wenn ich aus meiner früheren Berufstätigkeit arbeitslos geworden wäre. Aber man kann sicherlich davon existieren.

Fazit: Die finanziellen Einbußen sind deutlich spürbar und werden sich auch in meinem ganzen weiteren Leben auswirken, trotzdem würde ich mich gewiss nicht als arm bezeichnen. Die Pflege meiner Mutter erlebe ich grundsätzlich als Bereicherung auch wenn ich dadurch auf Vieles verzichten musste und muss.

 ( Bericht aus 2012 – aktualisiert in 2015 )

14 Gedanken zu “Ich pflege mit all den Ungewissheiten und Risiken für meine Zukunft!

  1. Ich bin 55 Jahre alt und lebe und arbeite im Ausland.
    Ich habe einen guten Job und eine liebevolle Familie.

    Meine Eltern leben in Deutschland.
    Mein Vater ist 82 leidet and Demenz, Parkinsons und Typ 1 Diabetes und ist stark Geh behindert.
    Meine Mutter die 84 ist pflegt ihn rund um die Uhr.

    Sie selbst ist auch nicht gesund sie hat einen Stroma und Gicht in den Händen und ist völlig entkräftet.
    Kürzlich wurde Ihr das Pflegegeld für meinen Vater gestrichen. Er hat Pflegestufe 4.

    Ich sorge mich standing um meine Eltern und habe mir überlegt ob ich nicht solange meine Elten noch leben nach Deutschland zurückkehre um meine Eltern zu pflegen.

    Wenn ich mich dazu entschließe würde ich einen guten Job verlieren.

    Steht mir als Pflegender in Deutschland eine Art Pflegegeld zu und was noch viel wichtiger ist, wäre ich Kranken versichert?

    Steht meiner Mutter als Pflegende auch Urlaub zu.

    Würde mich über eine Antwort freuen.

    VG

    Angela

    • Liebe Angela Loftus,

      das hört sich ja sehr schlimm an und ist überhaupt nicht nachvollziehbar !

      Kurz zu Ihren Fragen:
      * gegen die Rücknahme des Pflegegeldes bitte UNBEDINGT Widerspruch einlegen!
      * auch ihre Mutter sollte einen Antrag auf Pflegegeld stellen (oder Sie für Ihre Mutter)
      * Pflegegeld erhalten in Deutschland ausschließlich die PflegeBEDÜRFTIGEN – also ihre Eltern (wenn es denn wieder genehmigt wird)
      * Krankenversichert wären Sie nicht !

      All das sind die diskriminierenden Faktoren, die pflegende Angehörige in die Armutsspirale rutschen lassen und der Grund, warum wir uns für Verbesserungen der größten Pflege-LEISTER – Gruppe einsetzen. Über 75% aller Pflegebedürftigen werden in Deutschland von Angehörigen gepflegt.

      Gerne informieren wir Sie auch telefonisch individueller, vielleicht mögen Sie uns anrufen?
      Schauen Sie gerne auch auf unserer Webseite für Hintergrundinformationen & unsere Betroffenen-Berichte – Sie finden uns auch auf Facebook und twitter.

      Mit lieben Grüßen aus Telgte – wir hoffen, diese Infos helfen Ihnen erst mal ein wenig !

      Susanne Hallermann, Koordinatorin im Team ADP

  2. Hallo,
    Auch ich pflege meine Eltern. Mein Vater hat Lungenkrebs und meine Demenz. Derzeit bin ich noch Vollzeit tätig. Ich habe einen super Arbeitgeber der mir immer frei gibt wenn ich es brauche. Ich würde gern meine Arbeitszeit reduzieren oder die Pflegezeit in Anspruch nehmen. Das geht aber Finanziell gar nicht, da auch mein Mann erwerbsunfähig ist aber keine Erwerbsunfähigkeitsrente bekommt. Gegen die Rentenversicherung klagen wir seit fast vier Jahren. Da ich Alleinverdienerin bin kann ich nicht aufhören zu arbeiten da das Pflegegeld nicht ausreichen würde. Und auch die 75 Prozent des Arbeitslohns bei Arbeitszeitverkürzung würden vllt die zwei Jahre gehen zusammen mit Pflegegeld aber was ist nach den zwei Jahren. Ich finde man wird vom Staat noch bestraft wenn man sich um Angehörige kümmert.

    • Liebe Frau Spohr,
      vielen Dank für Ihren offenen und ehrlichen Kommentar – so geht es leider Zigtausenden und es ist mehr wie
      diskriminierend für uns pflegende Angehörige. Und ich Klage gegen die Rentenversicherung ist ja sehr interessant !!

      Gerne würden wir mit Ihnen Kontakt aufnehmen und vielleicht gemeinsam etwas bewirken 😉 !

      Mit lieben Grüßen aus Telgte (bei Münster / NRW)

      Susanne Hallermann, pflegende Angehörige, Koordinatorin der Initiative gegen Armut durch Pflege & Vorsitzende wir pflegen NRW

  3. hallo ich bin 29 jahre jung bin in ein Altenheim.meine famiele würde mich sehr gerne nach hause holen.und dort pflegen leider fehlt dazu das Geld.ich würtde auch gern nach hause zurück kehren.ich bin traurig das ich im alten heim untergehen werde da es an finaziellen mitteln fehlt.ich wäre sogerne wieder bei meiner tochter.ich denke das kann mann gut verstehen oder.zu meiner Erkrankung ich bin qwährschnittsgelähm durch einen Autounfall.nur da es an der Politik happert soll ich im heim leben.ich bin todtraurig.

    dine

    • Liebe Diana,

      entschuldigen Sie meine verspätete Antwort – leider ging es nicht früher.
      Im Team der Initiative ADP arbeiten wir alle ehrenamtlich und sind oftmals noch aktiv pflegend.

      Ihr Unfall ist ja tragisch und ganz schlimm ist es, dass Sie mit Ihrer Querschnittslähmung so jung in einem Altenheim untergebracht sind!
      Das tut mir sehr leid und gerne würden wir mit Ihnen telefonieren – wäre es möglich für Sie?
      Vielleicht verraten Sie uns per Mail Ihren Wohnort, dann könnte sich der zuständige Landesansprechpartner bei Ihnen melden.
      Wenn Sie mögen, schreiben Sie uns doch auch Ihre Telefonnummer, wo wir Sie gut erreichen könnten.

      Die Telefonnummer der Initiative ADP ist 02504 – 6967725 (mit Anrufbeantworter).

      DANKE für Ihren offenen Kommentar und ich schreibe Ihnen unsere Rückantwort auch noch per Mail 😊 !

      Alles Liebe und Gute für Sie und mit lieben Grüßen aus Telgte (bei Münster – NRW)

      Susanne Hallermann, Koordinatorin im Team ADP

  4. Ich pflege meine Mutter schon 8 Jahre. Sie hat Demenz. Seit Januar 2015 hat sie eine Pflegestufe. Ich bin seit 2 Jahren Rentnerin. Warum bekomme ich als Rentnerin keinen Ausgleich zu meiner Rente?

    • Liebe Frau Jäckel,

      ja, das ist eine sehr berechtigte Frage, die wir von vielen ähnlich Betroffenen hören!
      Ein Großteil der pflegenden Angehörigen ist im Rentenalter und sie entlasten unseren Sozialstaat durch ihre Pflegeleistung und -verantwortung immens. Da wäre es mehr wie angemessen einen “Ausgleich” zu erhalten.

      Wir nehmen diese Forderung “mit in unsere Mitglieder-Versammlung” vom 07.-09.Oktober 2016 in HH, denn da erarbeiten wir – immer gemeinsam mit Betroffenen – einen Forderungskatalog an die Politik. Angemacht ist eine Art “Manifest” von pflegenden Angehörigen, dass wir dann an alle Parteien im Vorfeld der nächsten Bundestagswahl versenden werden.

      Ein langer mühevoller Weg, aber die gesetzlichen Grundlagen müssen geändert werden, damit wir ein verbesserte soziale Absicherung pflegender Angehöriger erreichen – daher ist es wichtig, dass es eine Interessenvertretung für pflegende Angehörige gibt, die einfach einen längeren Atme haben als einzelne Betroffene 😊 !

      Vielen Dank für Ihren Kommentar – wir freuen uns über Ihre Unterstützung und Ihr Dabeisein!

      Mit lieben Grüßen aus Telgte

      Susanne Hallermann, Koordinatorin im Team ADP und selbst seit 21 Jahren pflegende Angehörige

  5. Liebe S.
    wie lange das schon geht, war mir nicht bewusst. So hast Du allen Grund, unsicher in die Zukunft zu blicken. So etwas darf kein Staat verlangen!!!
    Ich hätte das für meine Mutter nicht getan, wir hatten immer ein schlechtes Verhältnis miteinander. Ich glaube, dass es ihr im Heim, dorthin musste sie ihre letzten beiden Jahre ziehen, objektiv gut ging, sie hatte “Unterhaltung” und da es in ihrer Heimat war, auf dem Land im Schwarzwald, bekam sie viel mehr Besuch, als in ihrem Zuhause und ich konnte sie öfters besuchen.Sie selbst hat das – natürlich – anders gesehen. Sie haderte mit ihrem Schicksal (vergleichsweise leichter Schlaganfall) und bekam Depressionen. Da ich kinderlos bin, kann ich nicht so wie sie von einem Kind (meine Schwester lebt in der Schweiz) Unterstützung erwarten, wie sie das tat. Möge mir am Ende so eine Depression erspart bleiben – ich kenne Depression von innen!
    Dir und Deiner Mutter nur das BESTE!

  6. Liebe Frau F.
    Ich finde es ganz toll , dass sie sie sich für die Pflege ihrer Mutter entschieden haben . Das ist Liebe und gerade deswegen werden pflegende Angehörige nur mit dem Geringsten abgespeist. Es wird uns glauben gemacht , dass das eine Privatsache ist und das stimmt nicht . Ich finde es schon boshaft , wie man von ihnen verlangt ihre Rücklagen aufzubrauchen , um die Pflege leisten zu können . Sie sind ein guter , liebevoller und verantwortungsvoller Mensch .Es wird höchste Zeit , dass die Politiker , Menschen wie sie, finanziell so absichert , wie es bei einem Erwerbsmäßigen selbstverständlich ist . Das wünsche ich Ihnen von Herzen !
    Mit lieben Grüßen
    Silvia Wölki

    • Das sehe ich genauso kann nicht sein und darf nicht sein, meine damit die finanziellen Einbußen. Finde es klasse wenn die Angehörigen pflegen. Es gibt einen Spruch der sagt Einen Alten Baum verpflanzt man nicht und das sehe ich so!

      • Liebe Frau Baier,

        sehen wir auch so und wir finden, dass jeder Mensch mit Pflegebedarf die Wahl haben sollte Wie & WO er leben möchte (in Absprache mit seinem Familienteam natürlich).

        Aber diese Wahlfreiheit darf nicht beeinflusst werden von der Höhe des eigenen finanziellen Polsters oder den gegeben Rahmenbedingungen – nicht jedes Bundesland ist gleich gut (oder schlecht) ausgestattet.

        Laut Stiftung Warentest mögen 8/10 Menschen im Falle einer Pflegebedürftigkeit Zuhause bleiben – daher fordern wir eine wirkliche WERTSCHÄTZUNG für die Menschen, die dies ermöglichen und den Sozialstatt in Milliardenhöhe entlasten.

        Wir pflegenden Angehörigen sind die größten PflegeLEISTER in Deutschland und die Initiative ADP setzt sich für eine soziale Gleichberechtigung und Absicherung der pflegenden Angehörigen ein.

        Schön, dass Sie DABEI sind!

        Mit lieben Grüßen aus Telgte!

        Susanne Hallermann, Koordinatorin im Team ADP

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