Ich leiste Integrationsarbeit !

 ( Frau W. ist 53 Jahre alt, pflegt seit 32 Jahren und lebt in NRW )

Meine Forderungen an Politik und Gesellschaft:

Silvia Wölki VI portrait

Was ich mir politisch wünsche ist, dass Menschen wie ich, die Pflege „rund-um-die-Uhr“ leisten bitte mit 63 – ohne Abschläge – in Rente gehen dürfen.

Und schließlich wünsche ich mir, dass das Pflegegeld an die Pflegesachleistung angepasst wird ohne später von der Rente abgezogen zu werden. Damit verbinde ich auch den Wunsch dass, wenn ich krank werden sollte, und ich meine Tochter in eine Kurzzeitpflege geben müsste, das Pflegegeld weitergeleistet wird, weil ich Kosten wie die Miete weiterhin bezahlen muss.

 

Ich bin Mutter von drei gesunden Töchtern und einer Tochter mit schwersten Behinderungen. Heute sind sie erwachsen. Meine jüngste Tochter studiert, die Älteren haben ihre Ausbildung bereits abgeschlossen. Meine behinderte Tochter ist gerne unter Leuten. Das entspricht ihrem Wesen. Darum gehe ich sooft ich kann mit ihr nach draußen, damit man uns sieht und sie trotz ihrer Behinderungen als Person wahrgenommen wird.

Ich selbst habe meine Kinder sehr früh bekommen und konnte keine Ausbildung machen. Als meine zweite Tochter nach einer belasteten Schwangerschaft mit lebenslangen Schwerstmehrfachbehinderungen in mein Leben kam, brauchte sie viele Therapietermine wie Logopädie, Krankengymnastik, Frühförderung und meine Aufmerksamkeit und Pflege. Über weite Strecken in meinem Leben musste ich für meine Kinder alleine sorgen. Der Vater meiner ersten drei Kinder war alkoholkrank. Ich war immer wieder auf Unterstützung vom Sozialhilfeamt angewiesen.

In besonders knappen Zeiten musste ich sogar zur Caritas oder ähnlichen Organisationen gehen und um extra Unterstützung zum Lebensunterhalt bitten. Ich musst „betteln“ gehen – so habe ich mich gefühlt. Das ist bis heute eine demütigende Erfahrung. Wann immer ich Gelegenheit fand habe ich einen Job angenommen, um meinen Lebensstandard zu verbessern und finanziell „mündig“ zu sein.

Die Pflege meiner Tochter ist sehr aufwändig und auch körperlich anstrengend. Sie kann kurz alleine stehen oder laufen – alles mit Helm und meiner direkten Anwesenheit. Sie muss gewickelt, sondiert und in der Nacht mit einem Babyphon überwacht werden, weil sie auch ein Anfallsleiden hat. Die schwere körperliche Arbeit in der Pflege meiner Tochter hinterlässt mittlerweile gesundheitliche Spuren bei mir. Meine Kräfte schränken sich immer mehr ein, so dass es mir zunehmend schwer fällt, zusätzlich arbeiten zu gehen. Gesundheitsbedingt wollte ich daher in absehbarer Zeit etwas weniger arbeiten, um mich für die Pflege weiterhin fit zu halten. Ich erhalte seit diesem Monat aber nur noch für meine jüngste Tochter Kindergeld. Für meine behinderte Tochter nicht mehr. Das nun fehlende Geld muss ich jetzt reinarbeiten.

Das wirft mich wieder zurück. Der Weg, mich um meine Gesundheit zu kümmern und damit die Pflege meiner Tochter in Zukunft zu sichern, ist mir versperrt worden. Das Grundsicherungsamt und der Kreis hatten Abzweigungsanträge bei der Familienkasse gestellt. Und die Familienkasse hat die Zahlungen an mich eingestellt, ohne mich vorher dazu anzuhören! Um Widerspruch einlegen zu können, musste ich bei der Familienkasse anrufen und um einen Brief bitten, damit ich überhaupt etwas Schriftliches habe. Das ist das Schlimmste, was sie mir jetzt antun konnten.

Aber es gibt auch andere Benachteiligungen, die wir erleben. Für meine Tochter brauchen wir eine behinderten gerechte Wohnung. Für die Miete muss ich zusätzlich von dem Pflegegeld 285 Euro einsetzen. Unser Umfeld ist furchtbar. Hier wohnen sehr viele Sozialfälle und es gibt viel Kriminalität. Mein Mann ist schon verprügelt worden von Jugendlichen, als er sie gebeten hat, bitte leise zu sein, weil meine Tochter ihr Zimmer zum Hof hinaus hat und nicht schlafen konnte. Aber Alternativen zu unserer Wohnung gibt es kaum. Es gibt fast gar keine behindertengerechte Wohnung auf dem öffentlichen Wohnungsmarkt. Wenn, sind es immer Sozialwohnungen, und wenn, dann sitzen Sie immer in diesem Kessel.

Letztes Jahr habe ich nach 11 Jahren mal einen Urlaub gewagt und Norderney gebucht, weil die Insel als „rollstuhlgerecht“ angeboten wurde. Es war ein Versuch auszuprobieren, wie das überhaupt funktioniert. Ich werde das nicht wiederholen! Auf den Autobahnraststätten gibt es keine Wickeltische für Erwachsene – auch nicht in den sogenannten „behindertengerechten“ WCs nicht! Der Zugang zur Fähre ist nur über steile Treppen möglich gewesen. Da können sie nicht mit dem Rollstuhl hoch. Wir wurden im Vorfeld nicht darüber informiert. Nichts!

Wir fahren alle gerne Fahrrad zusammen. Wir fahren Kilometer mit meiner Tochter im Sommer. Das können Sie sich nicht vorstellen! Das ist für uns die Möglichkeit überhaupt mal rauskommen. Dazu benötigen wir ein spezielles Au-Pair-Rad, in dem meine Tochter mit fahren kann. So ein Fahrrad, kostet 7000 Euro. Da habe ich lange für sparen müssen. Die Krankenkasse hat einen Antrag zur Finanzierung dieses Rads nicht genehmigt. Alles was zur Freizeit gehört, gibt es nicht. Braucht meine Tochter aus ihrer Sicht nicht.

Wie oft wurde mir vorgeworfen, dass ich den falschen Mann geheiratet habe und vier Kinder bekommen habe. Wie oft in meinem Leben habe ich mich gefragt, ob ich es richtig mache. Wie oft musste ich mich bloß stellen und um Hilfe bitten und betteln. Wie oft habe ich erfahren müssen, dass der Weg versperrt ist, dass ich mit meiner Familie am Rand der Gesellschaft leben musste und bis heute muss.

Aber ich habe es geschafft, meine Kinder über die vielen Hindernisse und Barrieren in unserer Gesellschaft zu bringen und ihnen eine Zukunft zu ermöglichen und Lebensqualität. Ich habe hart dafür gearbeitet ohne mich zu schonen und ohne, dass andere Menschen das wahrgenommen und wertgeschätzt haben. Ich leiste Integrationsarbeit. Dafür klopfe ich mir dann auch auf die Schulter und sage „Das hast du wirklich gut gemacht!“

( Bericht aus 2013 – aktualisiert in 2015 )

 

 

12 Gedanken zu “Ich leiste Integrationsarbeit !

  1. Liebe Frau W.
    zuerst: ich schließe mich allen hier niedergeschriebenen solidarischen Wünschen von ganzem Herzen an!
    Dann: Ihre Erfahrungen mit Ämtern, Kassen etc. finde gräßlich! Und beschämend für unser Land und unsere Gesetzgeber.
    Dann: Ich habe mein berufliches Leben in der Sozialverwaltung gearbeitet und hatte immer eine verachtete Klientel: inhaftierte Drogensüchtige, Wohnungslose (Penner), (Miet)Schuldner, Unterhaltsschuldner, Alte, Menschen mit Demenz und deren Angehörige. Ich war immer hier im reichen Großraum Stuttgart. Ich hatte eigentlich nie solche ausweglosen Situationen. Es gab immer eine – im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben – gute Lösung. Wenn alle Stricke rissen, gab es Stiftungen. Es ist für mich deshalb gar nicht nachvollziehbar, was bei Ihnen alles schief lief und womit Sie, offenbar alleine und ohne die Hilfe von Sozialdiensten? – kämpfen mussten. Es gibt von der Stuttgarter Presse große Weihnachtsaktionen, wo die Spendensumme immer noch jedes Jahr wächst! Es werden dann Einzelfälle vorgestellt und geholfen. Das Fahrrad z. B. hätte so auf jeden Fall finanziert werden können. Dass jetzt die Krankenkasse ihre Pflicht tat ist aber natürlich super! – nein!!!!: hätte selbstverständlich gewesen sein müssen.
    Schließlich: nun kenne ich auch Ihre Geschichte: meine Hochachtung! Meine Schutzengel haben mich davor bewahrt, auch in jungen Jahren Kinder zu haben, während den schriftlichen Prüfungen, nach dem Aufsatz, zu meinem Abitur hatte ich eine Fehlgeburt.. Alle, die Ihnen Vorwürfe machen und Sie in Frage stellen, sollten mal in sich gehen und schauen, wo sie solche Schutzengel hatten. Dies nicht zu vergessen ist so wichtig! Es bewahrt einen davor zu denken, man habe das doch auch geschafft – warum nicht andere auch!
    Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie von Herzen alles Gute! Barbara Riethmüller

  2. Hallo!
    Jetzt ist das geschehen, was ich versucht hatte aufzuhalten. Meine Gesundheit ist nun unheilbar ruiniert. Ich mußte meinen Job aufgeben. Ich will jetzt nur noch meine Tochter so lange weiterpflegen, wie es mir der Fortschritt meiner Krankheit erlaubt. Als ich das dem Beamten beim Grundsicherungsamt sagte, ging es ihm im Enddeffekt wieder nur um das Kindergeld, was er auf meinen Kontoauszügen sehen wollte. Wahrscheinlich wird er jetzt versuchen mir das Kindergeld wieder streitig zu machen, obwohl er weiß, dass ich meinen Minijob nicht mehr ausüben kann. Ach wie oft hat er die pflegenden Angehörigen schon zusammenbrechen sehen und endlich bin ich auch da angekommen. Da geht der zu Pflegende dann doch zuletzt ins Heim. Es hört sich bei ihm alles so banal an und ich fühlte mich besiegt,eigentlich hatte ich doch keine Chance, die Bürokratie zwingt jeden in die Kniee, das muß man doch wisssen. Oder????
    Nein, noch lebe ich! Ich werde die Konten jetzt trennen, dann kann er sich nur noch das wenige Geld meiner Tochter ansehen. Ich werde einen Wohngeldantrag stellen. Ich habe uns wohnungssuchend gemeldet! Ich arbeite hier in der Initiative und ich werde alles zur rechten Zeit regeln, damit es meinen Lieben gut geht. Ich werde es mir rausnehmen auch zu meinem eigenen Vergnügen zu leben, ohne anderen damit zu schaden!

  3. Hallo !
    Ich möchte mit allen Lesern meine große Freude teilen. Wie in dem Bericht schon erwähnt , sollte mir das Kindergeld vom Grundsicherungsamt streitig gemacht werden . Ich habe einen langen Widerspruch dazu geschrieben , Quittungen gesammelt und eine ärztliche Bescheinigung dazu gelegt und nun habe ich gute Post von der Familienkasse bekommen . Das Kindergeld wird weiter an mich ausgezahlt. Juchhuuuuu !!!!!!!
    Ich hoffe, dass wir Pflegenden auch noch in unseren anderen, wichtigen Forderungen erhört werden, denn das gebietet schon der Anstand, in den die Volksvertreter auch mal investieren müßten !

    • Liebe Frau W. !
      DAS ist ja eine tolle Nachricht – herzlichen Glückwunsch zu diesem Erfolg und prima, dass Sie für Ihren Anspruch gekämpft haben! Wir freuen uns RIESIG mit Ihnen und Ihren Lieben mit….!! Susanne Hallermann & Team ADP

      • Hallo Frau Hallermann !
        Es kommt zwar ein bischen spät, aber dennoch möcht ich mich für ihre netten Worte bedanken . Ja, das war schon eine Überraschung für mich, als ich nach der Arbeit in der Nacht noch einen Brief im Briefkasten gesehen habe. Da hab ich mich sowas von gefreut und ich tue es immer noch . Danke, dass sie sich alle so mit mir freuen !
        Die besten Grüße von mir an Sie und ihr Team !

        • Bin selber Behindert,Habe 100% aG.
          Gehe in eine Behinderten Werkstatt..6.Std.da ich ein Töchterchen habe gesund .und sehr mobil 3 mal inder Woche Sport Handball 1,2 Std.Montag u.Zwei tage Akrobatik immer 2 Stdunden müde wird sie einfach nicht geht in die erste klasse. Ich bekomme Grundsicherung 150€ u.mein kindergeld das bekommt mann als Behinderte ein lebenb lagt.Haben Sie mal eingefürt.Lebenspartner ist nicht Behindert.Arbeitslos..aber Unterkunft bekommt er nur für sie..weil ich lohn bekomme in WfHG bekomme..krankengeld bekommen wir auch nicht wenn man über 6 wochen übersieht. (( kleinwüchig..))

  4. Liebe Frau W.,
    ich schließe mich den Kommentatoren gern an, wünsche auch Ihnen viel Kraft und Durchhaltevermögen, dass Sie trotz der Anstrengungen nicht müde werden, Ihren Weg zu gehen. Und uns allen wünsche ich, dass sich endlich viele Betroffene zusammenschließen, damit wir uns gemeinsam die notwendige Wertschätzung und vor allem auch die Hilfe erkämpfen. Für uns und für die, die wir lieben.

  5. Liebe Susanne,
    es sind wieder eindrucksvolle Berichte und ich bedaure, daß diese nicht von der Presse aufgegriffen und landauf-landab immer wieder publiziert werden. Und zwar so lange bis auch der letzte Politiker sich damit auseinandersetzt und vor Betroffenheit aufschreit.
    Und ich finde es auch bewundernswert, daß sich Arnold Schnitttger mit seinem lieben Nico aufmacht um von Flensburg an den Bodensee zu wandern um auf die Probleme der behinderten Kinder aufmerksam zu machen.
    Liebe und solidarische Grüße
    Hermann-L. Trautmann

  6. Vielen Dank, Frau Hald – Hübner, für ihren positiven Kommentar . Es tut mir sehr gut , dass Sie Ihre Solidarität zu mir bekundet haben . Es muß doch auch noch Platz für mehr Mitmenschlichkeit in unserer Welt geben, das tut uns doch allen gut . Deswegen sind Menschen , wie Sie, für mich und andere Pflegende sehr wichtig , denn für Sie hat es Sinn und Wert, wenn Angehörige ihre Liebsten pflegen .
    Viele, liebe Grüße an Sie zurück
    Frau W.

  7. Danke, liebe Susanne Hallermann, dass Sie den vom Schicksal derart hart betroffenen Menschen Gesicht und Stimme geben!
    Tief betroffen macht mich der Bericht von Frau W., der ich meine allergrößte Hochachtung aussprechen möchte.
    Sie, liebe Frau W., leisten wahrlich seit drei Jahrzehnten Schwerstarbeit. Gesunde und finanzell abgesicherte Menschen können sich Ihren Alltag nicht im mindesten vorstellen! Ihr unermüdlicher Einsatz und Ihre Liebe und Fürsorge für Ihre Tochter müsste von unserer Gesellschaft wenigstens finanziell entsprechend honoriert werden, so dass Sie nicht ständig zusätzlich von existentiellen Engpässen bedrängt wären. Nur mit einer solchen Maßnahme – nämlich Angleichung des Pflegegeldes an die Pflegesachleistung – wäre eine wirklich spürbare Entlastung verbunden. Diese Forderung gilt für alle pflegenden Angehörigen, die sich in einer ähnlichen Lage befinden.
    Ich bin mit Ihnen solidarisch und grüße Sie herzlich
    Brigitte Hald-Hübner

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