Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit !

 

( Herr Sch. ist 59 Jahre alt, pflegt seit 14 Jahren und lebt in Baden – Württemberg )

ADP pilot06Meine Forderungen an   Politik und Gesellschaft:

Mir wäre es wichtig, dass man die vor 15 Jahren abgeschafften, damals geltenden Härtefallregelungen wieder einführt. Es kann nicht sein, dass in den Hartz IV Regelungen alle, auch Menschen mit Behinderung „gleicheichgestellt werden“. Es wäre gut, wenn man einen Sonderstatus für Behinderte schaffen könnte und wenn Pflegestufe 3 so ausbezahlt werden würde, wie es einer Pflegeeinrichtung zusteht. 

 

 

Als am 01.08.1999 meine Freundin, die aus den neuen Bundesländern stammt und hier im Südwesten eine Arbeit suchte durch einen Verkehrsunfall querschnittsgelähmt wurde, brach eine Welt zusammen.                                        Sie war damals gerade einmal 23 Jahre alt.

Aber schon damals wurden die Weichen gestellt, die Weichen hin zur Armut.    Die „Schuldfrage“ wurde gestellt. Das meiner Meinung viel zu schnelle Auto, das zudem keinen Zentimeter Bremsweg zeigte, bekam keinerlei Mitschuld. Bis heute versuche ich dagegen anzugehen. Denn ich war der Hauptzeuge und wurde bis heute noch nicht einmal zum Unfallhergang vernommen!

Meine Freundin hatte kurz vor dem Unfall ihre Arbeit verloren. Heute muss man schreiben: Nicht durch eigenes Verschulden, sondern weil der Arbeitgeber Stellen abgebaut hat. Die nächste „Weiche“ war gestellt.

Die Querschnittslähmung war höher gehend, d.h. die Pflege war von Anfang an aufwändig. Schon nach dem Klinikaufenthalt war klar: Die Freunde von Konni ( so der Name der Verletzten ) haben sich sehr bald zurückgezogen. Die Mutter hatte eigene Probleme, und so hatte ich in der Not zugesagt, die Pflege fürs erste zu übernehmen. Daraus sind 14 Jahre geworden!

Ich denke, das gehört mit zum Bild, was sich aus all dem entwickelt. Ich hatte damals einen kleinen Betrieb. Den führte ich neben der Pflege noch weiter, obwohl dies zeitlich kaum möglich war. Bis heute arbeite ich so 14-18 Stunden täglich auch an Wochenenden, Feiertagen, ohne Urlaub etc..

Bereits 2001 bekamen wir dann aber zu spüren, wie Behörden mit Menschen wie uns umzugehen gedachten. Aus einer Unfallversicherung gab es etwas Geld. Fortan sollte nun Hartz IV gestrichen werden. Behindertengerechte Anschaffungen waren aber bis dato nicht vorhanden. Vor dem Sozialgerecht haben wir erkämpfen müssen, dass dies nicht in Kraft tritt. Das Verfahren dauerte lange und hat sehr viel Kraft gekostet!

Ab diesem Zeitpunkt wussten wir: Es gab kein Entgegenkommen, ja man versuchte eine Behinderte und deren Pfleger sogar noch ab zu zocken, und kein anderer Ausdruck ist hier passender. Das Geld reichte nicht, um eine vollständige behindertengerechte Umgebung zu schaffen. Der kleine Betrieb lief immer schlechter. Diebstahl, Vandalismus und Kunden, die nicht zahlen wollten oder konnten….nun waren wir auf dem Gleis steil bergab.

Ohne Hilfe, ohne Verständnis für die Situation. Allenfalls dümmliche Vorwürfe waren zu hören. Dabei haben wir nur immer versucht, das Beste aus Allem zu machen, und dabei waren wir nie faul oder ungewaschen, oder wie man sich Hartz IV Empfänger auch in der Politik und den Behörden öfter vorstellt. Ich als Pfleger bin nach 11 Jahren nur noch kaputt, leide unter Symptomen, die eindeutig auf Überlastung hinweisen. Krank war ich aber kaum. Denn das muss man wissen: Wer sollte die Pflege auch machen?

Im Übrigen:

Eine Ersatzpflege kann man sich bei unseren Bezügen nicht leisten. Kaum bedacht wird, dass wenn man über Jahre nie ausreichend Geld zur Verfügung hatte, beispielsweise eine Reparatur eines Kochherdes zur Katastrophe werden kann. Da wir über jeden Cent, der bei uns eingeht, genau Buch führen, können wir auch ganz klar und fundiert aussagen: Seit dem Unfall ging es immer steiler bergab. Bei wachsenden Lebenshaltungskosten, Teuerungen usw.

Zurückzuführen sind solche schlimmen Entwicklungen auf mehrere Ursachen. Kaum jemand weiß, dass mit Hartz IV auch bis dahin geltende Härtefallregelungen z.B. für Behinderte abgeschafft wurden. In den letzten Jahren konnten wir eine Tendenz feststellen, die wohl durch Politikeraussagen und Medienberichte ausgelöst wurden. Wer arm ist, ist eben faul. Und da macht man heute auch vor Behinderten nicht mehr halt und auch vor deren Pfleger nicht, die sehr, sehr viel arbeiten und der Gemeinschaft sehr viel Geld einsparen, indem sie Betroffene zu Hause pflegen.

Ich erhalte für meine schwere Arbeit pro Monat gerade einmal 500 Euro (davon abgezogen sind Gelder, die einem Pflegedienst ausbezahlt werden müssen). Für die gleiche Arbeit, die ich verrichte, müsste die Gemeinschaft für einen Pflegeplatz ca. 3500 Euro pro Monat bezahlen! Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, die in die Armut führt !

( Bericht aus 2010 – Daten aktualisiert in 2013 ) 

 

 

3 Gedanken zu “Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit !

  1. Hallo Herr Schwarz !
    Das finde ich super , dass sie zu der Pflege noch gegen diese Behauptungen angehen, es gäbe nicht genug Geld. Ich kanns auch nicht mehr hören ! Es ist nur eine Frage der Verteilung und hier müssen wir vehement auf uns aufmerksam machen . Gut , dass es diese Initiative gibt und ich hoffe, dass es immer mehr werden, die hier mitmachen. Ich möchte mich bei Ihnen noch mal bedanken, dass sie sich die Mühe gemacht haben, Berechnungen zu erstellen, die beweisen, dass die finanziellen Mittel , für die Besserstellung pflegender Angehöriger, vorhanden sind . Dieser Beweis gibt uns ein neues Selbstverständniss in unseren Forderungen an die Politik .
    Mit sonnigen Grüßen
    Silvia Wölki

  2. Lieber Herr Sch. !
    Ich koche vor Wut , wenn ich lese , wie man ihre Leistung mit Füßen getreten hat . Erstens mal ist es sowas von selbstlos und liebevoll von Ihnen , dass sie ihre Freundin nicht in ihrem Unglück allein gelassen haben und zweitens haben Sie ihre finanziellen Sicherheiten geopfert , um die Pflege weiter leisten zu können. Sie werden mit ihren guten Eigenschaften erpresst , nach dem Motto, der macht auch mit einem Minimum an Geld weiter. Das ist das Schlimme . Wir wollen unsere Liebsten um uns haben und sie pflegen , während ein Pflegedienst nicht diese enge Bindung an Pflegebedürftige hat . Die könnten ja wirklich mal die Pflegebedürftigen in der Scheiße sitzen lassen ( ich hoffe mal, dass sie das nicht wahr machen ) , also können sie auch ,wenn es hart auf hart kommt mit Sanktionen drohen. Ich wünsche mir so sehr, dass Menschen wie sie, fürstlich entlohnt und unterstützt werden . Sie sind vorbildhaft und schwimmen gegen den Ego- Trend , das ist so schwer und doch haben sie erkannt, worum es im Leben geht . Sie haben meine volle Solidarität und ich werde ihre Geschichte weitertragen ! Danke für ihre unermüdliche Ausdauer !!
    Mit ganz, vielen, lieben Grüßen
    Silvia Wölki

    • Sehr geehrte Frau Wölki. Ich will mich herzlich bedanken für die aufmunternden Worte. Ich hoffe sehr, dass viele Menschen wie Sie erkennen, dass sehr bald etwas für Behinderte, Kranke etc. und deren Angehörige getan werden muss. Wenn es in diesem Land Ungerechtigkeiten gibt, dann vor Allem in diesem Bereich. Um ein Zeichen zu setzen wäre es wirklich einmal aufrüttelnd, wenn wir – alle Pflegenden Angehörigen – einmal „streiken“ könnten. Aber ich kann mir selbst nicht vorstellen, einfach hier weg zu gehen. Selbst das wäre mit allerlei Vorbereitungen verbunden. Nur ein Beispiel dafür, dass das Fehlen eines Bundespräsidenten kaum Konsequenzen hätte. Das Fehlen von uns Pflegenden Angehörigen aber…das ginge gar nicht ! Wie mans durchdenkt: Es ist eine große Ungerechtigkeit, was da geschieht. Im Übrigen: Es wird ja immer ausgesagt: Kein Geld vorhanden. Das habe ich in so mancher Schrift widerlegt ! Und nicht nur ich ! Andere Berechnungen Aussagen sind auf der angegebenen INternetseite zu finden. Ihnen noch einmal vielen Dank.
      Viele liebe Grüsse

      Lothar Schwarz

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